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Léon Hatot und die elektrischen ATO-Uhren

Michel Viredaz

Deutsche Übersetzung von Dietrich Siefart

Dieser Artikel wird im Chronométrophila Bulletin Nr 58 (Sommer 2005) erscheinen.

Das Kapitel ‚Geschichte’ des vorliegenden Artikels, besteht aus längeren Auszügen aus der Website ‚Worldtempus’, die hier mit freundlicher Genehmigung durch das CIDH (Centre International de Documentation sur l'Horlogerie) wiedergegeben werden.

Geschichte des Unternehmens ‚Léon Hatot’

Léon Hatot wurde am 22. April 1883 in Châtillon-sur-Seine geboren und verstarb am 11. September 1953. Von 1895 bis 1898 besuchte er die ‚Ecole d'horlogerie’ in Besançon und dann die ‚Ecole des Beaux-Arts’, ebenfalls in Besançon. Sehr jung machte er sich 1905 selbständig und spezialisierte sich auf das Gravieren von Uhrengehäusen. Er gründete bald eine Werkstatt für Uhrmacher- und Juwelierkunst. Hier produzierte er mit einem Dutzend Handwerkern Uhren von hoher Qualität wobei besonders Edelmetalle verwendet wurden.

Bald etablierte er sich auch in Paris, wo er die Nachfolge des Hauses ‚Bredillard’ antrat. Gleichzeitig behielt er seine Werkstatt in Besançon bei. In dieser und der darauf folgenden Zeit wurde er einer von wenigen Künstlern, die sowohl Armbanduhren als auch Schmuckstücke herstellten. Er wurde Lieferant der wichtigsten Häuser der ‚Rue de la Paix’. Die Zeitschrift ‚La France horlogère’ erwähnt ihn in einem Sonderteil mit der Bemerkung: ‚Hatot – Unternehmer und Goldschmied’.

Neugierig und zugleich zukunftsorientiert, interessiert sich Hatot sehr früh für die Anwendung der Elektrizität in Uhren und gründet im Jahr 1920 eine Abteilung, die sich auf die Forschung und Entwicklung von batteriebetriebenen Pendeluhren spezialisieren sollte. Im selben Jahr wird sein gesamtes Unternehmen, in Paris, wie auch in Besançon, unter dem Namen ‚Société des Etablissements Léon Hatot’, neu strukturiert. Für seine Mitarbeit bei der Erforschung und Entwicklung der elektrischen Uhren, gewinnt er 1923 Marius Lavet. Dieser ist ‚Ingenieur des Arts et Metiers’ und Lehrer an der ‚École supérieure d'électricité’, und wie Léon Hatot, leidenschaftlich an der Anwendung der Elektrizität in der Uhrmacherei interessiert.

Seit 1923 werden Léon Hatots elektrische Pendeluhren unter dem Namen ‚ATO’ vertrieben. Sie werden in Besançon, in einer teilweise umgebauten Fabrik, in der ‚Rue de la Rotonde 13’ hergestellt. Seit ihrem Erscheinen auf dem Markt, haben sie einen beispiellosen Erfolg. Auf der ‚Exposition internationale des arts decoratifs’ im Jahre 1925, gewinnt Léon Hatot einen

‚Grand Prix’ für sein gesamtes Fabrikationsprogramm elektrischer Uhren. Diese sind in Marmor oder verchromtem Metall eingefasst und in Gehäuse mit Intarsienarbeiten aus wertvollen Hölzern eingebaut. Manche auch in Gehäusen aus in Form gegossenem Glas, die in den Werkstätten von Lalique (Abb.5) entworfen wurden. Léon Hatot wurde mit der ‚Légion d'honneur’ ausgezeichnet, zum Richter des ,Tribunal de commerce de la Seine’ berufen und zum Rat des Außenhandels ernannt.

Im Jahr 1929 macht Léon Hatot eine seiner wichtigsten Erfindungen: die Armbanduhr ‚Rolls’ mit automatischen Aufzug. Die Vorrichtung, durch die sich das Werk bei der kleinsten Bewegung des Arms aufzieht, wird im Inneren des Gehäuses durch Kugeln hin- und hergeschoben, die sich zwischen zwei Gleitflächen bewegen. Hierzu wurden folgende Patente erteilt: Hauptpatent Nr. 704.910 vom 11. Januar 1930, erstes Zusatzpatent Nr. 38.984, zweites Zusatzpatent Nr. 39.523 und drittes Zusatzpatent Nr. 39.581 vom 30. November 1931. Dieser automatische Aufzug wurde auch von seinem Freund Marius Lavet im Januar 1932 im ‚Bulletin de la societé d'encouragement pour l'industrie nationale’ beschrieben. Dieser Mechanismus hat den Vorteil mit einem Minimum an Reibungspunkten zu funktionieren und in sehr kleine Werke eingebaut werden zu können. Er war perfekt auf die rechteckigen Gehäuse abgestimmt, die in dieser Zeit insbesondere als Damenuhren in Mode waren. Im Vertrag vom 23. September 1930 gewährt die ‚Société Hatot’ M. Blancpain das exklusive Recht auf die Herstellung der ‚Rolls’ Uhren mit automatischem Aufzug, sowie deren Vertrieb in Frankreich und Belgien. Diese Erfindung, gekrönt durch die ‚Medaille d'honneur’ der ‚Société d'encouragement pour l'industrie nationale’ erfuhr nicht den Erfolg, den sie verdiente.

Ihr wirtschaftlicher Erfolg wurde durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 verhindert.

Während den 20er Jahren gab Léon Hatot weder seine Pariser Juwelierwerksatt noch seine Werkstatt für die Herstellung von wertvollen Schmuckuhren auf. Ihre Leitung übergab er 1926 an Edouard Dietsch, seinen Schwiegersohn. Die Werkstatt erfuhr nun einen neuen Aufschwung, der es erlaubte, mit dem Gewinn aus dem Verkauf der ATO Uhren, die kostspieligen Forschungsarbeiten im Bereich der Elektrouhren zu finanzieren. Diese Arbeiten führte Léon Hatot mit seinem Freund Marius Lavet durch. Arbeiten, die durch eine spektakuläre Erfindung gekrönt wurden, die elektrische Pendeluhr ‚ATO-RADIOLA’ mit automatischer Synchronisation durch Radiowellen. Diese Erfindung wurde zum ersten Mal im Mai 1928 im Bulletin Nr. 2 von ‚Radiola’, dem Organ der ‚Société francaise radioélectrique’ veröffentlicht. Die Synchronisation erfolgte in einem Umkreis von 250 km mit dem Zeitsignal, das regelmäßig vom Eifelturm, oder vom Sender ‚Radio-Paris’, während eines seiner Konzerte ausgesendet wurde. Es genügte also, dass der Besitzer einer solchen Uhr mindestens einmal pro Woche sein Radio einschaltete, damit seine Uhr auf die richtige Zeit eingestellt wurde. Es ist bemerkenswert, dass die radiokontrollierte Zeiteinstellung von Armband- und Pendeluhren von der Firma Junghans am Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts ‚wiedererfunden’ und mit großem Werbeaufwand auf den Markt gebracht wurde. Die fast einzig bemerkenswerte Neuerung dieses Verfahrens besteht in der Reichweite des Senders, der mit der Sternenwarte in Braunschweig verbunden ist und sein Signal in einem Umkreis von nahezu 2000 km aussendet.

Im Jahre 1928 wurde das Haus der Firma Hatot in der ‚Rue de la Michodière 23’ enteignet, da es abgerissen werden sollte. Die verschiedenen Abteilungen des Unternehmens wurden in den ‚Faubourg Saint-Honoré 12’ transferiert, die bald von einer besonders reichen und kauffreudigen Kundschaft besucht wurden. Besonders anziehend wirkten dabei die hochwertigen Armbanduhren und Schmuckstücke, auf die sich Edouard Dietsch spezialisiert hatte. Die Blüte dieses Hauses war allerdings nur von kurzer Dauer. Wie alle Luxusindustrien erfuhr sie ihren Niedergang durch die Weltwirtschaftskrise, die durch den amerikanischen Börsenkrach von 1929 ausgelöst wurde.

Léon Hatot richtet seine Aktivitäten nun auf den Export nach Italien, Belgien und Deutschland, wo er Verträge mit den Firmen Haller & Benzing und HAU (später durch  Junghans übernommen) (Fig. 8)  über die Herstellung und den Vertrieb von ATO-Uhren abschließt. Damit gelingt es Léon Hatot  nicht nur sein Unternehmen zu retten, sondern es sogar auszubauen.

Léon Hatot kann sich nicht entschließen, seine Heimat, die Franche-Comté, vollständig zu verlassen und behält eine kleine Montagewerkstatt in Besançon bei. Seine großen künstlerischen Fähigkeiten lassen ihn zum wiederholten Male in seinem Leben, spezielle Arbeiten entwickeln und ausführen. So musste er z.B. zu Beginn seiner Karriere eine sehr schöne Savonetteuhr entwerfen und selbst herstellen, die dem französischen Ministerpräsidenten, Armand Fallières, während eines Besuches im ‚Département du Doubs’, überreicht wurde. Später schuf er die ‚Coupe chronométrique en cristal’, mit der jedes Jahr die Uhrenhersteller ausgezeichnet wurden, die ihre besten Arbeiten beim ‚Concours chronométrique’ eingereicht hatten. Léon Hatot wurde sogar Gründungsmitglied der ‚Société chronométrique de France’.

Auf der ‚Exposition coloniale’ von 1931, präsentierte Léon Hatot relativ kleine Pendulen, die der Ausgangspunkt für eine neue Generation von Schmuckuhren waren. Insbesondere schuf er ein neues Modell von revolutionärer Konzeption. Er ignorierte die traditionelle Anordnung der Teile der Uhr und machte das Werk zum einzigen und wichtigstem dekorativem Element (Abb. 6). Er eröffnete somit den Weg für eine neue Mode, die von den meisten Herstellern übernommen wurde, da sie von dieser avantgardistischen Ästhetik überzeugt waren. Dabei wurde Glas und verchromtes Metall miteinander kombiniert, so dass diese Uhren perfekt zum Mobiliar der Epoche passten. Léon Hatots Erfindergeist schuf weitere Kreationen der Uhrmacherkunst, wie z.B. die ‚Aquatora’, bei der die Zeit am äußeren Rand eines Wassertanks angezeigt wurde, oder die ‚Maplux’, die die Uhrzeit an einem beliebigen Ort der Welt, auf dem Äquator eines Globus darstellte.

Parallel zu seiner Produktion von elektrischen Pendulen, eröffnete Léon Hatot 1933 eine neue Abteilung für die Zeitverteilung durch Hauptuhren, die mehrere Nebenuhren steuern. Dies führte zur Übernahme des Hauses Paul Garnier, das im Jahre 1825 gegründet worden war und das auf die Zeitanzeige in Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden spezialisiert war. Der Transfer der Fabrik von Besançon nach Paris wurde beschlossen und die verschiedenen Abteilungen des Unternehmens wurden in den Räumlichkeiten des Hauses Paul Garnier, in der ‚Rue Beudan 9’ im 17. Arrondissement in Paris untergebracht. Seit Beginn des zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 wurde das Unternehmen Hatot zur Herstellung von Kompassen (Conservateur de cap Sperry) sowie anderer Instrumente für die Flugzeugtechnik verpflichtet (z.B. Höhenmesser wie im Bild gezeigt) Außerdem wurden verschiedene Mess- und Navigationsgeräte für die französische Marine hergestellt. Die französische Niederlage von 1940 beendete diese Aktivitäten von Léon Hatot, der sich jeder Kollaboration mit Deutschland verweigerte.

Altimeter für die französische Luftwaffe, 2. Weltkrieg

Es ist bedauerlich, dass Léon Hatot die technische Revolution, die die Erfindung des Transistors für die Uhrmacherei mit sich brachte, nicht mehr erleben durfte. Nur wenige Tage vor seinem Tod erfuhr er von den ersten Prototypen in seinen Forschungsabteilungen, die ohne mechanische Kontakte funktionierten und er erahnte ihren Erfolg. Léon Hatots ganzes Leben war vollständig der Suche nach dem Besseren gewidmet. Seine außerordentliche Schaffenskraft, sein unbändiger Wille und sein immer wacher Erfindergeist, ließen sein Unternehmen prosperieren. Trotz der bescheidenen Dimension seiner Firma, konnten sich Léon Hatots Erfindungen bei den größten Unternehmen der Welt durchsetzen.

Das Unternehmen Hatot war somit unter den allerersten Unternehmen weltweit, die ihre Instrumente mit den Perfektionierungen ausstatteten, die durch den Einsatz des Transistors möglich wurden (Abb. 14/15). Seine ersten Patente, in denen der Einsatz von Transistoren beschrieben wurde, wurden am 16. September 1953 erteilt. Das Unternehmen Hatot besaß allerdings nicht das Kapital, um seine Patente weltweit zu nutzen. Man musste sich darauf beschränken, den wichtigsten Uhrenherstellern der Industrienationen Lizenzen zu erteilen. So existieren weltweit Millionen von Werken für Armbanduhren, als auch für Pendulen, die mit den folgenden Namen signiert sind: L. Leroy & Cie, Ebauches SA, Junghans (Abb. 8), Westclocks, Smith & Son , Bulova, Jaz und General Time. Sie alle tragen den Hinweis 'lic. ATO'. Dasselbe gilt für die ‚Chronostat I, II, und III’, elektronischen Marinechronometern, die durch das Unternehmen L. Leroy & Cie an die französische Marine, die ‚École normale supérieure’, die ‚Compagnie générale atlantique’ und das ‚Institut de physique du globe’ geliefert wurden. Insbesondere der ‚Chronostat III’ wurde für Polarmissionen eingesetzt. Auch die berühmten Schiffe der französischen Marine, wie die Flugzeugträger ‚Clémenceau' und ‚Foch’, der Helicopterträger ‚Jeanne d'Arc’ und verschiedene U-Boote vom Typ Daphné wurden mit dem ‚Chronostat III’ ausgestattet.

Durch einen Beschluss des Generalsekretärs der Handelsflotte vom 31. Juli 1959 wurde der Chronostat III ohne Einschränkungen zugelassen und konnte in Passagier- und Handelsschiffen eingebaut werden. So zum Beispiel auch in dem berühmten Passagierschiff ‚France’, in den zahlreichen Öltankern des Unternehmens Shell und auch in der großartigen ‚Sovereign of the Sea’.

Léon Hatot verstarb am 11. September 1953 im Alter von 70 Jahren nach einer langen Krankheit. Sein Leben war übervoll mit Aktivitäten, sowohl im Handwerklichen, wo er sich im Bereich der Uhrmacherei einen Namen als Meister der Periode des Art Déco erwarb, als auch im Wissenschaftlichen, wo sein kreativer und visionärer Geist zahlreiche Erfindungen erschuf, die weitere Entwicklungen der Uhrmacherei im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts einleiteten.

Im Jahr 1967 übernimmt Hatot die Abteilung ‚elektrische Uhren’ des Hauses Lepaute als Vervollständigung der ATO Produktion. Ein neuer digitaler Uhrentyp mit 7 Segmentanzeigen wird im Jahr 1979 entwickelt, der sofort von der französischen Eisenbahn, SNCF, übernommen wird. Diese Uhren sind ein sehr großer Erfolg und werden schnell in großem Stil von anderen Firmen kopiert.

Die Firma Hatot passt sich schnell den neuen elektronischen Techniken an, die durch den Gebrauch eines winzigen Quarzkristalls als Taktgeber ermöglicht werden. Die Kosten für Forschung und Fertigung werden so hoch, dass sich die Herstellung von nur mittelmäßigen Serien nicht mehr amortisieren. Die Konkurrenz der südostasiatischen Länder zwingt die Firma Hatot die industrielle Uhrenherstellung aufzugeben um sich auf den Verkauf von hochwertigen Armbanduhren, sowie die Produktion von batterie- oder netzbetriebenen Wohnzimmeruhren zu konzentrieren. Diese Uhren wurden noch einige Zeit unter dem Namen ‚ATO-LEPAUTE’ und ‚ATO-PAUL-GARNIER’ verkauft.

Der gesamte Uhren- und Schmuckbestand, der seit der Kriegserklärung zum 2. Weltkrieg in einem Bankdepot unversehrt aufbewahrt worden war, wurde bei den öffentlichen Versteigerungen des Auktionshauses Christie’s in Genf am 1. Mai 1989 in alle Welt zerstreut. Die wertvollen Archive des Hauses Hatot insbesondere nahezu 5000 großartig kolorierte Zeichnungen von Uhren und Schmuckstücken, ein unschätzbarer Beitrag Léon Hatots zur Verbreitung des Art Déco Stils (1910 – 1930), sind heute im Besitz der neuen Firma Léon Hatot. Diese ist Mitglied der ‚Swatch Group’, die Liebenswerterweise die Zeichnungen, die dieses Kapitel illustrieren, zur Verfügung gestellt hat.

Zeichnung von Léon Hatot, Art-Déco Periode

Zeichnung von Léon Hatot, Art-Déco Periode

Die elektrischen ATO-Uhren

 Wir konzentrieren uns in diesem Kapitel auf die Beschreibung der geläufigsten elektro- magnetischen ATO-Uhren. Im vorangegangenen Kapitel ist deutlich geworden, dass Léon Hatot und sein Unternehmen eine solche Vielzahl von Erfindungen gemacht hat, die wir in diesem Zusammenhang gar nicht alle behandeln können, insbesondere, da sie auf dem Markt für antike Uhren kaum zu finden sind.

Alle ATO-Uhren beruhen auf demselben technischen Prinzip, das auf die Arbeiten von Charles Féry zurückgeht: ein als Antrieb dienendes Pendel, kombiniert mit einem Permanentmagneten, der sich in einer Spule ohne Kern hin- und herbewegt. Dasselbe Prinzip wurde auch von den wichtigsten französischen Herstellern angewendet, wie z.B. Brillié, Bulle-Clock und einigen anderen. Dieses Prinzip unterscheidet sich z.B. von dem von Hipp. Dieser benutzt einen Elektromagneten, also eine Spule mit Eisenkern, die einen am Ende des Pendels befestigten Teil aus Weicheisen anzieht. Andere Konstruktionen (Holden LR, Garnier, école de Cluses) verwenden flache Spulen, die sich zwischen den beiden Polen eines Permanentmagneten hin- und herbewegen.

Bei den ATO-Uhren ist die Spule am Rahmen befestigt und der bogenförmige Magnet befindet sich am unteren Ende des Pendels. Genauso ist es bei Brillié, Charvet und Vaucanson, bei denen die Magnete die Form eines Hufeisens haben. Im Gegensatz dazu ist die Konstruktion der Bulle-Clock genau umgekehrt. Die Spule befindet sich am unteren Ende des Pendels, der Bogenförmige Permanentmagnet ist am Gehäuse befestigt. In all diese Uhren findet der Impuls, hervorgerufen durch Kontakte unterschiedlichster Bauart, bei jeder Schwingung statt. Schauen Sie sich zu diesem Thema die schematische Darstellung (Abb.1) an, ein Auszug aus dem berühmten Buch von Guye & Bossart.

Abb. 1: Unabhängige  ATO Uhr. 1. Pendel, 2. Permanentmagnet, 3. Spule, 4. Kontakt, 5. Antriebsklinke, 6. Sperrrad, 7.Rückhalteklinke, die den Kontakt betätigt

Um auf den Begriff des Pendels als Antrieb zurück zu kommen, sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass eine solche Konstruktion sich vom Konzept her vollkommen von einer rein mechanischen Uhr unterscheidet. In einer solchen Uhr befinden sich in einer Linie: ein Antrieb, ein Räderwerk und ein Oszillator (Pendel oder Unruh). Diese Anordnung gibt es seit dem XIII. Jahrhundert! In einer Uhr mit elektromagnetischem Antrieb, wie z.B. die ATO-Uhr, ist das Pendel sowohl Antrieb als auch Oszillator. Es belegt die beiden Enden der o.g. Linie und könnte doch allein funktionieren. Normalerweise ordnet man ihm ein System von Klinke und Sperrrad zu, deren Bewegung auf ein Werk übertragen wird. So ist es bei den ATO-Uhren, aber dies ist nicht notwendigerweise so. In Präzisionsuhren kann, um Reibungspunkte zu vermeiden, das System – Klinke, Sperrrad, Räderwerk, Zeiger – durch einen elektrischen Kontakt ersetzt werden, der eine Nebenuhr steuert, die sich an der Stelle des ursprünglichen Ziffernblattes befindet (Favag, Cyma, etc).

 ATO Pendeluhren gibt es in zwei verschiedenen Pendellängen, ½ und ¼ sec Pendel. Das technische Prinzip ist das gleiche in beiden Uhren, allerdings sind die Konstruktion des Kontaktes und die Pendelaufhängung anders. Die ¼ sec Penduletten sind reparaturanfällig und unterliegen mehr als die ½ sec Pendulen der Abnutzung.

 In bestimmten Ato-Uhren befindet sich auf der, der Spule gegenüberliegenden Seite, eine Spulenattrappe, die aus einem Kupferrohr besteht. Durch das Eintauchen des Magneten in das Rohr werden dort Wirbelströme erzeugt, die wiederum ein Magnetfeld erzeugen, das dem erregenden  Magnetfeld entgegenwirkt. Schwingt das Pendel heftiger, wird es auch kräftiger gebremst, weil die Induktionsströme von der Eintauchgeschwindigkeit abhängen. Dadurch erhält das Pendel eine gewisse Amplitudenstabilität, so dass sich Unterschiede in der Antriebsspannung etwas ausgleichen.

 Ohne größere konstruktive Veränderung hat Léon Hatot mit diesen Uhren eine Uhrenanlage  entwickelt. Die Hauptuhr ist hier eine ½ sec Uhr, deren Pendel rechts und links mit Kontakten ausgestattet ist, die bei jeder Bewegung des Pendels nach links oder rechts geschlossen werden, also jede halbe Sekunde. Der somit erzeugte elektrische Impuls wird an eine oder mehrere ¼ sec Pendeluhren weitergeleitet, die allerdings keinen internen Kontakt haben. Diese Uhren werden auf diese Art und Weise mit der Hauptuhr synchronisiert, denn sie erhalten ihren Impuls bei jeder ihrer Pendelschwingungen. Hierfür kann man auch normale ¼ sec Pendeluhren benutzen, bei denen der Kontakt überbrückt wird. Eine solche Installation ist in Abb. 2 dargestellt (aus dem ‚Pamphlet III’ in englischer Sprache, des Hauses Hatot aus dem Jahr 1925 stammend) sowie in den Abb. 9, 10 und 11.

Abb. 2: ATO System der Zeitübertragung auf Nebenuhren. L1,2 Kontakte am Pendel der Hauptuhr; A1,2,3 Permanentmagnet der Nebenuhren; B1,2,3 Spulen der Nebenuhren

Es existiert ebenfalls eine ATO-Uhr mit elektromagnetischem Läutwerk (halbe und ganze Stunden), was in der elektrischen Uhrmacherkunst selten ist (Abb.12). Die meisten der elektrischen Uhren mit Läutwerk haben einen elektrischen Aufzug. Das Läutwerk ist dabei rein mechanisch und von klassischer Machart (Zenith, Mauthe, Kienzle, usw).  Bei den ATO-Uhren haben wir es mit einer Kombination von verschiedenen Prinzipien zu tun. Das Zählen der Schläge erfolgt durch einen Stundenstaffel, der Hammer wird durch einen Elektromagneten betätigt und die Frequenz der Schläge durch die Ausschläge des Pendels bestimmt, also genau ein Schlag pro Sekunde.

Zum Schluss wollen wir die erste transistorisierte ATO-Uhr aus den Jahren 1953/54 (Abb. 14 und 15) erwähnen. Es handelt sich um eine Konstruktion, die überwiegend den oben beschriebenen Uhren ähnelt. Der mechanische Kontakt, der durch das Pendel betätigt wird, ist hier durch eine Induktionsspule und einen Transistor ersetzt. Diese zweite Spule (konzentrisch mit der anderen) erhält keine Spannung, sondern erzeugt einen Strom bei der Passage des Magneten durch ihr Zentrum. Diese sehr schwache Spannung bewirkt, dass der Transistor durchschaltet und die Spannung der Batterie durch die Impulsspule passieren lässt. Beachten Sie zu diesem Thema das Schema (Abb.3) aus der zweiten Ausgabe des Werkes von Guye & Bossart. Dieses System verdanken wir M. Lavet und J. Dietsch.

Abb. 3: Elektrische ATO-Uhr mit Transistorschaltung: 1. Pendel, 2 und 2' Permanentmagnete, 3. Steuerspule, 4. Antriebsspule, NPN Transistor

Abb. 4: ¼ sec ATO-Pendulette in Form eines (französischen) Kilometersteins, eine klassische Form, die von verschiedenen Herstellern dieser Epoche gebraucht wurde.

Abb.5: ¼ sec ATO-Pendulette in einem Gehäuse aus Glas, das vom berühmten Glasdesigner Lalique entworfen wurde.

Abb. 6: Typische Art Déco ¼ sec ATO Pendulette, deren Werk zugleich als dekoratives Element dient.

Abb. 7: Nahaufnahme der Uhr aus Fig 6 mit sehr sorgfältig gearbeitetem Werk.

Abb. 8: Junghans Pendulette unter Glasdome mit ‚lic ATO’ Prägung. Trotz Lackierung ist der Messingsockel oxidiert.

Abb. 9: ½ sec ATO-Hauptuhr. Oben rechts am Gehäuse sieht man die beiden Anschlüsse für die Nebenuhren. Bemerkenswert ist auch das für ATO-Uhren typische System der Arretierung des Pendels für den Transport.

Abb. 10: Oben im Bild sieht man die beiden Kontakte rechts und links des Pendels der Hauptuhr .Weiter unten sieht man die Klinke, die das Sperrrad des Werks (Abb. 11) jeweils um einen Zahn weiter bewegt.

Abb.  11:  Ansicht des Werkes einer Mutteruhr. Links der Kontakt, rechts das Zählrad das durch eine Schaltklinke am Pendel bewegt wird.

Abb.  12: Elektromagnetisches Läutwerk (ganze und halbe Stunden) einer ½ sec ATO Uhr

Abb.  13: Sehr schönes Ziffernblatt und Hauptplatine, typisch im Art Déco Stil, der Uhr aus Abb. 12

Abb. 14: Eine der ersten transistorisierten ATO-Uhren mit ½ sec Pendel. Unten rechts befinden sich die beiden Spulen, die übereinander gewickelt wurden. Links sieht man das Kupferrohr, dessen Induktionsströme den Gang der Uhr besser regeln sollte.

Abb. 15: Die selbe Uhr wie in Abb. 14 jedoch ohne Ziffernblatt. Oben links sieht man eine kleine Plastikkiste in der der Transistor untergebracht ist. Der große Behälter darunter ist für die Batterie vorgesehen. Der Regler unten rechts bewegt eine kleine metallische Masse, die der magnetischen Feineinstellung des Pendels dient.

Referenzen :

-« Horlogerie électrique », von R.P. Guye und M. Bossart, 1. Ausgabe (nicht datiert, ungefähr 1946) und 2. Ausgabe (1957)

-« Les horloges électriques Ato », von Jean Mirault, bulletin ANCAHA No 74, 1995

-« The ATO Clock », von Mel Kaye, NAWCC Bulletin No 344, 2003

-“Ato Battery Clocks”, von John Locke, 2003

-Viele andere Bücher, die wir hier nicht erwähnen können

 

Bildernachweis

Das Foto des Höhenmessers verdanken wir A.H., einem amerikanischen Sammler, und veröffentlichen es mit seiner freundlichen Genehmigung. Die beiden Zeichnungen wurden von der Firma ‚Léon Hatot  SA’, der ‚Swatch Group’ zur Verfügung gestellt, der wir hiermit danken. Abb. 4 wurde von Heidi Viredaz-Bader fotografiert. Alle andern Bilder stammen vom Autor.

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Letzte Revision: 29.11.04